Die Kunst, Dinge abzugeben

Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen – ein altes afrikanisches Sprichwort, das man häufig liest oder hört. Klingt gut. Ein ganzes Dorf. Viele Menschen, die sich mit um das Kind kümmern, viele Menschen, die es begleiten, kennen, unterstützen, viele Menschen, die mitreden. Ok, das wollen wir dann vielleicht doch nicht… Aber ganz ehrlich, haben wir ein Dorf? Bei dem Bild vom Dorf denke ich meist erstmal an frühere Zeiten. Meine Großeltern hatten einen Bauernhof in einem kleinen Dorf. Magd und Knecht arbeiteten dort mit und wurden mitversorgt. Die beiden Kinder waren auf dem Hof, auf dem Feld, oder im Dorf unterwegs. Erstmal finde ich diesen Gedanken schön und irgendwie romantisch. Wenn ich aber genauer hinschaue, waren das harte Zeiten. Meine Oma half, wann immer es ging auf den Feldern mit. Die Kinder gingen mit. Halfen auch, als sie größer waren. Schwere körperliche Arbeit gab es zu tun und davon nicht gerade wenig. Das Ergebnis war ein gut laufender Hof, der sich selbst versorgen konnte und die Familie hatte nach dem Krieg genug zu essen. Aber das hatte seinen Preis. Meine Großeltern waren mit ihrer Arbeit sehr beschäftigt. Die Kinder waren geliebt und gut versorgt, beschäftigten sich aber größtenteils selbst, oder waren im Dorf mit anderen Kindern unterwegs. Sie wurden früh selbständig. Tatsächlich hatten sie auch viele Begleiter*innen, denn im Dorf wohnte viel Verwandtschaft. Das war sicher Privileg und Herausforderung zu gleich.

Wie geht es uns heute? Im Zuge der Individualisierung haben wir unser System sehr verändert und die allermeisten Kleinfamilien sind auf sich allein gestellt. Das hat ohne Frage viele Vorteile und ich möchte nicht zurück in die Zeit vor 100 Jahren. Trotzdem hat es dazu geführt, dass wir als Paar oder gar als Alleinerziehende die ganze Verantwortung, alle Termine, alle Organisation, alles Bringen und Holen, Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit weitestgehend alleine stemmen. WO ist jetzt unser Dorf? Gibt es das noch?

Ich erlebe, dass sehr viele Eltern sich mit ihrer Verantwortung für die Kinder ganz schön allein auf weiter Flur wiederfinden. Es ist gut, dass sich im Zuge der Emanzipierung die Aufgaben in mehr und mehr Familien zumindest zwischen Mutter und Vater gleichmäßiger verteilen. Dennoch ist der Mental Load ins unermessliche gestiegen, wobei die Hauptlast noch immer von den Müttern getragen wird. Schon vor Corona hatte jede 5. Mutter einen Burnout oder eine Wochenbettdepression und diese Zahlen sind in den letzten drei Jahren ganz sicher nicht gesunken. Wir sprechen hier von einer Überlastung, die an die Substanz geht. Was tun wir also? Wie ist es bei euch? Habt ihr ein Dorf?

Zu unseren kleinen Dörfern gehören heute als fester Bestandteil die Betreuungseinrichtungen. Ohne sie würde unser System gar nicht funktionieren. Aber sie können bei Weitem nicht alles abdecken und sollen das auch gar nicht. Die Engpässe entstehen im Alltag. Montags zum Beispiel hole ich die Mittlere um 12 vom Kindergarten ab, wir essen das schon vorher gekochte Mittagessen und stehen um 13 Uhr vor der Tür der Flötenlehrerin. Klappt soweit gut. Wenn nicht die Kleine in dieser Zeit eigentlich ihren Mittagsschlaf machen würde. Was gäbe ich um eine Oma, die einfach im Haus sitzt und über das schlafende Kind wacht? Habe ich aber nicht und gondele wochenlang hin und her und fahre das Kleinkind im Fahrradanhänger in den Schlaf – meine Pause fällt aus. Geht ja auch alles. Und der Termin ist selbst gewählt – nicht ganz, denn einen anderen gab es einfach nicht. Aber jetzt ist es auch noch schweinekalt und draußen schlafen ist keine Option mehr. Nach drei Monaten gondeln fasse ich mir also endlich ein Herz und rufe meine Nachbarin an, die mir schon so häufig Unterstützung angeboten hat. Ich frage sie, ob sie sich montags eine Stunde in unser Wohnzimmer setzen kann. Ja, na klar, das geht. Bei einer so klar abgegrenzten Anfrage kann sie das super einplanen, sagt sie und mir fällt ein Stein vom Herzen. Dann sitze ich da und frage mich, warum ich drei Monate gebraucht habe, um sie anzurufen. Haben wir nicht oft das Gefühl es alleine schaffen zu müssen? Ich habe das zumindest. Der Anspruch und die eigene Erwartung sind hoch und nach Hilfe fragen, das macht man nicht. Wenn ich es aber doch tue, merke ich wie gut es tut, unterstützende Menschen an meiner Seite zu haben. Ich brauche Entlastung und darf das auch ganz offen sagen und zugeben. Das heißt nicht, dass ich versagt habe oder es nicht schaffe. Ich muss es einfach gar nicht allein schaffen, denn so ist es nicht gedacht. Wir brauchen andere und unsere Kinder auch. Sie profitieren von anderen, von ihren anderen Ideen und Herangehensweisen, sie profitieren von entspannteren Eltern und von einem Dorf, in dem sie sich entfalten können. Wir brauchen ein Dorf. Alles allein zu schaffen wäre ein Wahnsinn.

Ich möchte euch also Mut machen: sucht euch ein Dorf oder überlegt, wer schon zu eurem Dorf gehört. Fragt Omas, Opas, Nachbar*innen, Freund*innen, Pat*innen für Unterstützung an. Geht auf die Angebote ein, die ihr ab und zu bekommt und fragt, was die betreffende Person gern tun würde. Mal ein Kind abholen oder bringen? Ein warmes Essen kochen? Mit den Kindern auf den Spielplatz gehen? Den Glasabfall mitnehmen? Oft ist es für die unterstützende Person eine Kleinigkeit und etwas, was sie gern tut und für euch eine große Entlastung.

Wenn ihr euch mit dem Thema noch eingehender beschäftigen wollt, kann ich euch das Buch: „Die Klügere gibt ab. Verantwortung teilen, Erschöpfung vermeiden. Dein Weg zu mehr Mamafürsorge“ wirklich empfehlen. Michèle Liussi und Katharina Spangler schreiben einfühlsam und sehr klar zu unserem Thema heute. Als Betroffene und Fachfrau finden sie gute Worte und schlagen ganz konkrete Handlungsideen vor.

Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen. Und das ist gut so 😊

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